So grausam die ganze Sache war, so Eindrucksvolles ist immerhin später daraus erwachsen: Für die indigenen Völker Mittelamerikas war die die Invasion der spanischen Eroberer seit Beginn des 16. Jahrhunderts eine Katastrophe von zuvor nie gekanntem Ausmaß. Und spätestens nachdem die Truppen des Conquistadors Hernán Cortés 1521 die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán erobert und zerstört hatten (auf deren Ruinen Mexiko-Stadt entstand), führten die Spanier auch einen Kampf gegen die indianischen Kulturen und löschten sie fast aus. Allerdings brachten die Eroberer eine große eigene Kultur mit, die an die Stelle der vernichteten trat, sich mit deren Resten vermischte und sich schließlich zu einer neuen, wiederum ganz eigenständigen Kultur entwickelte. So auch in der Musik: Wie die Musik der Azteken klang, wissen wir nicht, aber als die von den Spaniern importierte Barockmusik der Musik der Ureinwohner begegnete, entstanden neue Stile und Formen, die sich schnell von ihren Vorbildern lösten und in eine eigene, höchstcharakteristische mexikanische Musik von Weltrang mündeten.
So neu und eigen diese mexikanische Musik aber war und ist, so viel hat sie doch "in ihrem Inneren" von ihren spanisch-barocken Wurzeln bewahrt – Grund genug für das Ensemble Mare Nostrum unter der Leitung von Andrea de Carlo, auf ihrer neuen CD diesen Wurzeln nachzuspüren und dazu ein hochbarockes Instrumentarium – Gamben, Zink, Barockgitarre, Vihuela – undogmatisch und ohne Berührungsängste mit Instrumenten der mexikanischen Folklore zusammenzubringen wie der mexikanischen Gitarre Jarana, der Arpa Jarocha und diversen Schlaginstrumenten. Crossover-Kitsch ist trotzdem nicht dabei herausgekommen, im Gegenteil: Unter dem behutsamen, subtilen Zugriff der Alte-Musik-Experten und in geschmackvollen Arrangements erblühen die alten und teilweise gar nicht so alten Stücke (denn das jüngste davon stammt aus den 1930er-Jahren) zu reizvollem, entspanntem, farbenreichem Leben, mal vital-gutgelaunt, südlich-sinnlich, mal zart und iberisch melancholiegesättigt. Und wenn dann noch die klare, nuancenreiche Stimme der Sopranistin Nora Tabbush dazu kommt, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Folklore und "Ernster Musik", verschwimmen die Grenzen zwischen den Zeiten und Jahrhunderten auf angenehme, hochpoetische Weise. Viva el Mexico!

Andreas Grabner
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