ALTE MUSIK FORUM (Germany) october 2015

Den vor allem mit Oratorien der deutschen protestantischen Kirchenmusik vertrauten Hörer wird vieles an Alessandro Stradellas Oratorio San Giovanni Crisostomo verblüffen: Es ist für fünf Singstimmen und basso continuo gesetzt, wobei die fünf SängerInnen auch noch (meistens kommentiernde) Nebenrollen bedienen müssen, was man aber erst beim Studium der Aufführungsmaterialien bemerkt. Wegen des Fehlens von Streichern oder gar Bläsern für die Ritornelle schliesst man auf eine Aufführung in relativ kleinem, eher intimem Rahmen einer Andacht eines der Adelshäuser, mit denen der Komponist in Verbindung stand. Der restriktiven Haltung eines Innozenz XI. suchte man durch solche Formen von Musik mit sakraler Thematik zu entgehen. Die Besetzung wurde den Möglichkeiten und Wünschen der Auftraggeber angepasst, die sich aber in diesem konkreten Fall nicht mehr ermitteln lassen; auch eine Datierung ist kaum möglich, man denkt an eine Entstehung in Rom, also vor 1677, wie bei Ester, für das ebenfalls nur Gesangsstimmen und Continuo vorliegen. Allerdings passt die Thematik perfekt zur Diskussion um theologische Werte und der Bedrohung durch den Islam in jenen Jahren. Johannes Chrysostomos war eine historische Persönlichkeit an der Wende des 4. zum 5. Jahrhundert, Erzbischof von Konstantinopel, der von der oströmischen Kaiserin Eudoxia verbannt wurde. Der Streit um sittliche Werte, religiöse Regeln und Eitelkeit von Herrscherpersönlichkeiten zwischen den Hautakteuren ist Gegenstand des Libretto, das allerdings aus dem Notenmaterial heraus erst rekonstruiert werden musste; erst während dieses Prozesses liessen sich die Nebenrollen überkaupt klären. Neben Eudoxia und Crisostomo sind ein Gesandter der römischen Kirche und Teofilo; daneben treten Bedienstete der Kaiserin und Berater des Johannes Chysostomos auf, wobei sich die Verteilung auf die Rollen nicht immer mit absoluter Sicherheit bestimmen liess, da sie in der Partitur nicht benannt werden. Dass alle Rollen von den gleichen fünf Sängern dargestellt werden, machte es nicht einfacher und ist eine Erklärung für das Zögern der Musiker, das Werk in Angriff zu nehmen; inzwischen hat Carolyn Gianturco aus der einzigen in Modena erhaltenen Quelle eine kritische Neuausgabe erstellt, die dieser Erstaufnahme zugrundeliegt.
Dem fast schon diskursiven Charakter des Textes entspricht die vielfältige, komplexe Struktur der Musik, die wie immer bei Stradella sehr nah am Wort, dicht am Sprachrhythmus komponiert ist, unterschiedliche Strukturen verwendet, um die Affekte zu vermitteln, aber immer in ausgefeilter Kontrapunktik gestaltet ist - ein Anzeichen, dass diese Musik für ein gebildetes Publikum gedacht war, dass die Inhalte der Diskussionen um moralische Werte genauso gut verfolgen konnte wie die ausgefeilten mehrstimmigen Satzweisen zwischen den Stimmen und dem Basso Continuo. Das meiste auch der Arien ist auskomponiert, wobei Stradella auch vor fugierten Abschnitten nicht zurückschreckt, aber es gibt auch Ritornellstrukturen, die eher für die weltlich-sinnlichen Aussagen verwendet werden, so in einer Arie der Eudosia nachdem ihr Kontrahent ins Exil gegangen ist, wobei sie vorher durchaus auch Zweifel an ihrer weltlichen Orientierung geäussert hat; einen eindeutigen Sieger gibt es in diesem Wettstreit nicht, denn noch vom Exil aus wirken Crisostomos Lehren. Der Begleittext von Luca Della Libera liefert (wie schon Gianturcos Biografie) zahlreiche Detailhinweise auf die Rafinessen in Stradellas Vertonung, der sich wie gewohnt wenig um Konventionen kümmert, ohne Sinfonia mit einem Duett beginnt, Arien, Duette und Terzette sehr unterschiedlich und in frei fliessender Folge komponiert, die das Gefolge darstellenden Personen als diskursive Kommentatoren einsetzt, was bis zur Schlussbemerkung in Form eines kurzen Rezitativs geht.
Die Gestaltung des Continuo ist hier mustergültig, von Andrea de Carlo exzellent ausgearbeitet, mit sieben MusikerInnen (so viele werden oft noch nicht mal für ein "grosses" Händel-Oratorium aufgeboten!) des Ensemble Mare Nostrum. Alle Sänger bewältigen ihre Rollen ausgezeichnet, wobei Arianna Vendittelli in der Titelrolle anfangs vielleicht ein wenig zu vibratolastig agiert, was allerdings der Erregung der Protagonistin durchaus angemessen ist: mit zunehmender Versöhnung der Konfliktparteien wird ihr Gesang auch entsprechend weicher. Hier färbt die Haltung des Crisostomo (von Bassist Matteo Bellotto stilsischer vorgetragen) auf die Kaiserin ab. 
Diese Musik ist nur mit mehrmaligem Hören und Mitlesen des Libretto (in italienischer, englischer, und französischer Sprache) in ihrer ganzen Meisterschaft zu erfassen, man entdeckt ständig neue Verflechtungen und Bezüge der Stimmen untereinander und mit dem Continuo. Hier wurde eine empfindliche Lücke in der Stradella-Diskografie geschlossen, denn nun sind fünf der sechs erhaltenen Oratorien eingespielt worden.


 

 
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