Jede Neueinspielung von Kompositionen des Alessandro Stradella bestätigt, dass wir es hier mit dem vielleicht bedeutendsten, mit Sicherheit aber einem der kreativsten itaienischen Musiker des 17. Jahrhunderts zu tun haben. Das hier vorliegende Werk, das in zwei leicht abweichenden Fassungen in Modena und Turin aufbewahrt wird, ist eine Art Serenata (im Werkverzeichnis steht es als "Il Damone" unter den "weltlichen Kantaten mit Instrumentalbegleitung".) Die zugrundeliegende Dichtung von Sebastiano Baldini liegt in sechs verschiedenen Quellen vor und trägt dort entweder den Titel "L'alme" (Die Seelen) oder "La Forza delle Stelle" (Die Macht der Sterne); es gibt Indizien, die nahelegen, dass Christina von Schweden dem Dichter die Handlung skizziert hat, der sie nach ihren Vorgaben ausgearbeitet hat - die Zusammenarbeit aller drei ist durch die verschiedenen Fassungen von Text und Musik naheliegend. Ensembleleiter Andrea de Carlo hat sich im wesentlichen an der etwas größer besetzten Turiner Fassung orientiert, aber auch Details der Fassung aus Modena berücksichtigt, so z.B. auf das zweite Concertino verzichtet, da es musikalisch nichts substanzielles hinzufügt und die Räumlichkeit des instrumentalen Ensembles mit Concertino und Concerto grosso auf der CD besser abbildbar ist.
Die beiden Hauptpersonen sind ein Liebespaar, der Hirte Damone und die Nymphe Clori (gesungen von zwei Sopranstimmen), die unter dem nächtlichen Sternenhimmel ihre unterschiedlichen Empfindungen und Haltungen zur Liebe und den Einfluss der Sterne darauf schildern - dies nimmt nach einer kurzen, aber klangprächtigen Sinfonia den ganzen ersten Teil der Serenata ein. Nach einer weiteren Sinfonia mit Balletto diskutieren dann fünf Sänger das gleiche Thema fast schon in wissenschaftlicher Manier, mit gelegentlichen Einwürfen des Paars, das diese nur hören, aber nicht sehen kann. (Der Einfachheit halber singen die beiden Soprane des ersten Teils weiter mit, was bei einer nur gehörten Fassung nicht stört.) Am Ende gesteht Damone, dass er diese Gruppe bestellt hat, um seine Geliebte mit dieser nächtlichen Zerstreuung zu erfreuen; wie oft bei Stradella schliesst die Aufführung mit einem (hier fünfstimmigen) Madrigal, dessen Text eine Art Zusammenfassung der verschiedenen Standpunkte genannt werden könnte, ein Resumée in poetischer Form: "Oh Sterne, die ihr in mir die wildeste Leidenschaft erregen könnt, ihr streut Salz in meine Wunden mit jedem von Cupidos Pfeilen, mit ewigem Brennen, um die Sehnsucht des Herzens anzuspornen, so dass, wenn ich mich ergebe, Euer der Ruhm ist, und mein das Schicksal" (deutsche Übersetzung von mir).
Es ist ein wunderbar komponiertes Stück Musik, mit hinreissenden Instrumentalteilen, schönen, sehr erfindungsreich eingesetzten Obligati hinter den Sängern, vielfältigen Vokalpartien, die meistens überaschen, selten standardisierte Phrasen verwenden. Die Darbietung ist perfekt, alle Sänger in der richtigen Balance zwischen Expressivität und Klarheit, das Ensemble spielt hinreissend gut und engagiert, ist im Continuo reich besetzt mit einer größeren Orgel, die für das nötige Bassfundament sorgt. Einstudiert, aufgeführt und aufgenommen wurde in Stradellas Geburtsort Nepi bei Viterbo, wo inzwischen ein Festival zu seinen Ehren stattfindet. Biografin Carolyn Gianturco hat den ausgzeichneten Begleittext verfasst, man kann ihm alles Wissenswerte entnehmen. Eine in jeder Hinsicht vorbildliche Produktion, die ich allen an italienischer Vokalmusik des 17. Jahrhunderts Interessierten wärmstens empfehle.

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